Netzwerk Erinnerung+Zukunft in der Region Hannover

Förderverein Gedenkstätte Ahlem e.V.
Heisterbergallee 10
30453 Hannover-Ahlem
Telefon: 0511 47 39 76 98
E-Mail: fv.ged.ahlem@t-online.de

Hannover

Bild 18: Moritz Simon 1837-1905 (Quelle: Historisches Museum Hannover)
Bild 18: Moritz Simon 1837-1905 (Quelle: Historisches Museum Hannover)
Bild 18a: Grabmal Moritz Simons auf dem jüdischen Friedhof An der Strangriede in Hannover. Oben sein Motto zur Stiftung der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, darunter eine stilisierte Darstellung ihrer Gebäude. (Quelle: Michael Pechel)
Bild 18a: Grabmal Moritz Simons auf dem jüdischen Friedhof An der Strangriede in Hannover. Oben sein Motto zur Stiftung der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, darunter eine stilisierte Darstellung ihrer Gebäude. (Quelle: Michael Pechel)
Bild 17: Postkarte mit den Gebäuden der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, um 1900  (Quelle: Gedenkstätte Ahlem)
Bild 17: Postkarte mit den Gebäuden der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, um 1900 (Quelle: Gedenkstätte Ahlem)
Bild 17a: Inspektor Silberberg mit Schülern bei der Pflege des Schulgartens, um 1900 (Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem in Wort und Bild, S. 9. Quelle: Region Hannover)
Bild 17a: Inspektor Silberberg mit Schülern bei der Pflege des Schulgartens, um 1900 (Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem in Wort und Bild, S. 9. Quelle: Region Hannover)
Bild 17b: Lehrlinge der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, 1938. Fotografie von Herbert Sonnenfeld (Quelle: Jüdisches Museum Berlin)
Bild 17b: Lehrlinge der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, 1938. Fotografie von Herbert Sonnenfeld (Quelle: Jüdisches Museum Berlin)
Bild 19: Kranzniederlegung des Botschafters des Staates Israel, Shimon Stein, und des Minsterpräsidenten des Landes Niedersachsen Sigmar Gabriel 2001 in Ahlem (Quelle: Hans-Dieter Schmid)
Bild 19: Kranzniederlegung des Botschafters des Staates Israel, Shimon Stein, und des Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen Sigmar Gabriel 2001 in Ahlem (Quelle: Hans-Dieter Schmid)
Bild 16: Eingangstor der ehem. Gartenbauschule, im Hintergrund das "Direktorenhaus" (Quelle: Michael Pechel)
Bild 16: Eingangstor der ehem. Gartenbauschule, im Hintergrund das Direktorenhaus (Quelle: Michael Pechel)

Gedenkstätte Ahlem
Heisterbergallee 10

Ahlem ist die zentrale Gedenkstätte in der Region Hannover. Am Ort der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule Ahlem dokumentiert sie eine pädagogische Einrichtung von Weltruf, aber auch die Geschichte von antisemitischer Gewalt und Vertreibung in den Tod. Die Gedenkstätte befindet sich zur Zeit im Umbau, ihre Neueröffnung ist für das Jahr 2014 geplant.

Die im Jahre 1893 als Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem gegründete Gartenbauschule geht auf den jüdischen Bankier und Hobbygärtner Moritz Simon (1837-1905) zurück. Dieser stiftete nicht nur das Grundstück und die Gebäude in Ahlem, sondern prägte auch wesentlich Konzeption und Ziele der Schule. Ihm ging es vor allem um eine Berufsumschichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Rückkehr zur Bodenkultur und zum Handwerk. Dadurch wollte er arme Juden vom „Nothandel" abhalten und in „produktive" Berufe bringen, womit er zugleich einen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus zu leisten hoffte. Seine Grundidee war, dass dies nur dann nachhaltig zu verwirklichen sei, wenn die jüdischen Kinder schon früh an körperliche Arbeit gewöhnt würden. Daher gab es in Ahlem eine jüdische Elementarschule, in der Handfertigkeitsunterricht und Schulgartenarbeit, aber auch Sport, eine wichtige Rolle spielten. Sie sollte auf die dreijährige Lehrlingsausbildung vorbereiten, die mit der Gesellenprüfung abgeschlossen wurde. Angeboten wurde vor allem die Ausbildung zum Gärtner, aber vereinzelt auch zu Handwerken wie Schuster, Schneider und Schlosser. Von 1903 bis 1921 und wieder ab 1933 wurden in Ahlem auch Mädchen ausgebildet: zunächst nur in Hauswirtschaft, nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit auch im Gartenbau.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 engagierte sich die Schule sofort bei der Vorbereitung junger Juden zur Auswanderung, vor allem nach Palästina, obwohl die Schule immer streng antizionistisch gewesen war. Das brachte ihr nicht nur einen neuen Aufschwung, sondern rettete sie auch vor der drohenden „Arisierung“ über 1938 hinaus. So wurde sie erst zusammen mit allen jüdischen Schulen im Reich im Sommer 1942 geschlossen. Nach dem 2. Weltkrieg lebte auf dem Gelände für kurze Zeit die Tradition des jüdischen Gartenbaus wieder auf, als eine Gruppe junger DPs (Displaced Persons) aus Bergen-Belsen hier den Kibbuz „Zur Befreiung“ gründete. Diese Episode endete jedoch bereits im Mai 1948, als die letzten aus der Gruppe nach Palästina auswanderten.

Das Gelände der Gartenbauschule wurde im Herbst 1941 zur Sammelstelle für die Deportation der Juden aus dem Bereich der Gestapo-Leitstelle Hannover 13 bestimmt. Für sieben der acht Transporte aus Hannover zwischen Dezember 1941 und Januar 1944 wurden hier über 2.000 Juden aus dem gesamten südlichen Niedersachsen zusammengezogen, bevor sie – häufig nach mehrtägigem Aufenthalt – über den Bahnhof Fischerhof 22 abtransportiert wurden. Ab Februar 1942 wurde die Gartenbauschule zudem in die Liste der hannoverschen „Judenhäuser" 23 a aufgenommen, in denen die verbliebenen jüdischen Familien zusammengepfercht wurden. Die meisten der in die Gartenbauschule zwangseingewiesenen Juden wurden bereits im Juli 1942 deportiert; einige von ihnen, die in Ahlem Zwangsarbeit leisten mussten, lebten aber mit ihren Familien bis zur Deportation nach Theresienstadt im Februar 1945 bzw. bis zum Kriegsende hier.

Ab Oktober 1943 wurde das „Direktorenhaus“ der ehemaligen Gartenbauschule von der Gestapo Hannover 13 als Außenstelle für diejenigen Referate genutzt, die für die Kontrolle und Bestrafung von Zwangsarbeitern zuständig waren. Unter der Leitung des Kriminalkommissars Heinrich Joost waren Misshandlungen und Folterungen während der Verhöre an der Tagesordnung. Im Juli 1944 wurde das angrenzende „Haupthaus“ zum Polizei-Ersatzgefängnis für alle Häftlinge der Gestapo. Die erste größere Gruppe von Häftlingen bestand aus deutschen politischen Häftlingen, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 in der „Aktion Gewitter“ verhaftet worden waren. Später waren über 90 Prozent der Häftlinge ausländische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sowie ehemalige Kriegsgefangene, die hier unter KZ-ähnlichen Bedingungen leben mussten.

In der Endphase des Krieges wurde in der ehemaligen Laubhütte der Gartenbauschule eine Hinrichtungsstätte eingerichtet. Hier wurden im März 1945 mindestens 59 Häftlinge der Gestapo erhängt. Weitere 56 Häftlinge des Polizei-Ersatzgefängnisses wurden zusammen mit 98 Häftlingen des nach Ahlem evakuierten Arbeitserziehungslagers Lahde (bei Minden) in einer Massenerschießung auf dem Seelhorster Friedhof 31 am 6. April 1945 durch die Gestapo ermordet. Nur eines der Opfer konnte entkommen.

Gründung der Gedenkstätte

Die Gedenkstätte Ahlem wurde im Jahre 1987 durch den damaligen Landkreis Hannover gegründet. Sie verfügt über einen Ausstellungsraum und einen Gedenkraum im Kellergeschoss sowie einen Seminarraum (Martin-Gerson-Raum) im Erdgeschoss des „Direktorenhauses“. Am Ort der ehemaligen „Laubhütte“ weisen beschriftete Platten in mehreren Sprachen auf die Hinrichtungen hin. In räumlicher Verbindung dazu befinden sich 12 Stelen, die an die 12 Stämme Israels und die zerstörten 12 Synagogengemeinden im ehemaligen Landkreis Hannover erinnern. Die Initiative zur Errichtung dieses Mahnmals unternahm die Deutsch-Israelische Gesellschaft, Hannover (DIG): Um erforderliche finanzielle Mittel zu beschaffen, wurde ab 1. Dezember 1992 von der DIG eine große Verkaufsaktion von Bausteinen durchgeführt und anschließend Entwürfe in Auftrag gegeben. Der ausgewählte Entwurf Hartwig von der Heydes wurde am 27. August 1993 der Öffentlichkeit übergeben und im Rahmen einer Feierstunde der 100-jährigen Wiederkehr der Gründung der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem gedacht.

Die in der Gedenkstätte Ahlem befindlichen Kunstobjekte der israelischen Künstlerin Dalit Tajar „Prisoner" wurden von der DIG der Region Hannover als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Eine vom Landesverband der Sinti gestiftete Steinplatte im Außenbereich erinnert an die Opfer aus dem Volk der Sinti und Roma.

Neukonzeption

Als Rechtsnachfolgerin des Landkreises Hannover nimmt die Region Hannover seit 2001 ihre Verantwortung für die Gedenkstätte Ahlem wahr. Nach einem intensiven Diskussionsprozess haben sich Ende 2007 Politik und Verwaltung zum räumlichen Ausbau und zur konzeptionellen Weiterentwicklung der Gedenkstätte entschlossen. Daraufhin wurde im Frühjahr 2008 eine interdisziplinäre Fachkommission mit der Ausarbeitung von Empfehlungen für die Neukonzeption der Gedenkstätte beauftragt. Diese wurden nach Ablauf eines Jahres der Region Hannover übergeben und stießen dort auf fraktionsübergreifende Zustimmung. Sie umfassen im Kern die Forderung nach einer Grundsanierung und einem Ausbau des gesamten „Direktorenhauses“, einer neuen Dauerausstellung und einem pädagogischen Konzept, das außerschulisches Lernen und Demokratieerziehung am historischen Ort möglich macht.

Die 2014 neu eröffnete  Gedenkstätte Ahlem ist 25 Jahre nach ihrer Einrichtung zu einem generationsübergreifenden und interkulturellen Lernort geworden, an dem Geschichte nachvollziehbar wird und Erinnerung lebendig bleibt. Gemäß Beschluss des Regionsausschusses vom 04.05.2010 bereitete die Region Hannover – Projektleitung Team Kultur – die europaweite Ausschreibung eines Wettbewerbs vor. Aus dem Siegerentwurf (Arbeitsgemeinschaft Ahrens Grabenhorst Architekten, IKON Ausstellungsgestaltung und Landschaftsarchitekt Marcus Cordes) ist  ein neues, zentrales Eingangsgebäude hervorgegangen. 

Eine Wegachse parallel zur Heisterbergallee setzt alle wesentlichen Bereiche der Dokumentations- und Gedenkstätte miteinander in Beziehung  und lenkt den Blick durch das gläserne Foyer in einen Schulgarten.

 

 

Hier in diesen Räumen, in denen damals Gewaltherrschaft ausgeübt wurde und in denen mein Vater sicherlich auch verhört worden ist, überkommen mich beklemmende, aber auch erhebende Gefühle. Noch immer höre ich, damals als jüdisches Mädchen wie viele von den Nazis geächtet, im Hintergrund ihre Stiefelschritte und ihre gebrüllten Kommandos. Ich bin sehr froh, dass unser Gespräch genau hier stattfindet. Denn: ist es nicht unglaublich, dass ich in diesen Räumen, wo diese Leute ihr Unwesen getrieben haben, heute über jene Zeit frei sprechen kann?“

Ruth Gröne, ehemalige Bewohnerin des „Judenhauses" auf dem Gelände der Israelitischen Gartenbauschule

 

In der Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem berichten Zeitzeugen über die NS-Gewaltherrschaft in Hannover:

•    Band 1: "... und eigentlich wissen wir selbst nicht, warum wir leben..." Aus dem Tagebuch von Lore Oppenheimer.
•    Band 2: Matthias Horndasch, Du kannst verdrängen, aber nicht vergessen. Die Erinnerungen des Zeitzeugen und Holocaust Überlebenden Gerd Landsberg.
•    Band 3: Matthias Horndasch/Nachum Rotenberg, Ich habe jede Nacht die Bilder vor Augen. Das Zeitzeugnis des Nachum Rotenberg.
•    Band 4: „Mein Herz friert, wenn ich Deutsch höre ...“. Aus den Aufzeichnungen von Henny Markiewicz-Simon, geb. Rosenbaum.
•    Band 5: Matthias Horndasch/Ruth Gröne, Spuren meines Vaters. Das Zeitzeugnis der Ruth Gröne, geb. Kleeberg.
•    Band 6: „Ich war Deutscher wie jeder andere!" Matthias Horndasch im Gespräch mit dem Zeitzeugen und Holocaustüberlebenden Helmut Fürst.
•    Band 7: „...ich kann immer noch das Elend spüren..." - Ein jüdisches Kind in Deutschland 1927 bis 1945. Eine Erinnerung der Zeitzeugin Marga Griesbach. Witzenhausen – Kassel – Riga – Stutthof.
•    Band 8: „Die Diskriminierung hört nie auf". Erinnerungen von Werner Fahrenholz. Hannover 2011.
•    Band 9: Raimond Reiter: Das Schicksal von Irmgard Bartels. Opfer der NS-Psychiatrie in der Region Hannover. Hannover 2011.

Diese Schriften sind gegen eine Schutzgebühr von 2,50 € unter Tel. 0511 616-22256 oder im Bürgerbüro der Region Hannover erhältlich.

Neuerscheinung

Müller De Paoli, Renate: Salomon Finkelstein Häftling Nummer 142 340. Hannover 2012. (Schriften zur Erinnerungskultur in Hannover. Bd. 2, gleichzeitig Schriftenreihe der Gedenkstätte Ahlem. Sonderedition Bd. I)

Biografie und Empfang durch Stadt und Region Hannover: Auschwitz-Überlebender Salomon Finkelstein geehrt. HAZ 01.07.2012: Artikel im HAZ-Archiv online

Die Ausstellungstafeln „Dieser Teil ist noch in jüdischen Händen". Ahlem - Zur Topographie einer Stätte jüdischen Lebens (PDF) aus dem Jahre 2003 informieren über den Gebäudebestand der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule.
Wissenschaftliche Bearbeitung: Dr. Marlis Buchholz, Dr. Hans-Dieter Schmid / Grafik: Oliver Hoffmann QuadrArt - Photo & Graphik / Finanzielle Förderung: Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung

Literatur: 40, 48, 68

Auf der Karte zu finden unter:

8. Gedenkstätte Ahlem

Anfahrt: Stadtbahnlinie 10 Richtung Ahlem, Haltestelle Ehrhartstraße,
direkter Weg von der Haltestelle zur Gedenkstätte Ahlem, Heisterbergallee 10, 30453 Hannover


Gedenkstätte Ahlem

 

Mo.      geschlossen

Di/Mi    10 – 17 Uhr

Do       10 – 19 Uhr

Fr        10 – 14 Uhr

So 11 – 17 Uhr

 

Kontakt:

Weitere Informationen – auch zur Anmeldung von (Schul-) Gruppen

 

Gedenkstätte Ahlem

Heisterbergallee 10, 30453 Hannover

Tel.: 0511 616-23745

E-Mail: gedenkstaette@region-hannover.de

www.gedenkstaette-ahlem.de



Kontakt:
Deutsch-Israelische Gesellschaft DIG, Arbeitsgemeinschaft Hannover
Tel. (0511) 234 35 72
www.dig-hannover.de
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