Netzwerk Erinnerung+Zukunft in der Region Hannover

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Ein Mahnmal in Burgwedel

Das Gymnasium Großburgwedel richtete eine ,Mahnmal - AG' ein, die auf Wunsch des Burgwedeler Bürgermeisters Dr. Hendrik Hoppenstedt den Orts rat bei der Namensrecherche unterstützte. Sechs Schülerinnen und Schüler: Henrietta Dörries, Robert Hartmann und Clara Kopiez aus der neunten Klasse, Yannick Sülzle und Britta Becker aus der elften Klasse sowie der Abiturient Carsten Brenken beteiligten sich daran. Die Geschichtslehrer Jürgen Schmidt und Philip Knigge begleiteten die AG, deren Vorgehen durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterstützt wurde.

In Großburgwedel gab es, anders als in den Ortsteilen, keine Tafel auf denen die Namen der Kriegsopfer des Zweiten Weltkrieges genannt wurden. Dreiundsechzig Jahre nach Kriegsende gab es dort lediglich eine Tafel mit der Aufschrift ,Unseren Toten 1939 - 1945'. Wie kann man verlässlich Namen der Toten ergänzen? Welche Toten? Ist eine namentliche Auflistung möglich, sinnvoll und gewollt? Der Ortsrat verständigte sich im Frühjahr 2008 darauf Schüler bei den Recherchen über die Opfer und bei der Gestaltung mitwirken zu lassen. Das Gymnasium Großburgwedel folgte dieser Bitte gern.

Die Gestaltung wurde in zwei Klassen (50 Schüler) der Kunstlehrerin Susanne Westermann thematisiert. Nicht nur freischaffende Künstler - auch Schülerinnen und Schüler sollten Entwürfe zur Gestaltung des Mahnmals entwerfen. Zum Volkstrauertag 2008 wurden diese in einer Ausstellung im Rathaus der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Mahnmal AG zeigte zu diesem Anlass Gedanken der Schülerinnen und Schüler zu diesem Thema. Auch wurde der Weg vom Heldengedenktag zum Volkstrauertag historisch dargelegt und mit Bildern junger Weltkriegssoldaten - kaum älter als die beteiligten Schüler - ergänzt. Großeltern wurden befragt und Schüler erfuhren eindrucksvolle Familiengeschichten. Doch welche Namen gehören auf ein Mahnmal? Ging es nur um die gefallenen Soldaten? Für eine sinnvolle Recherche brauchte man eine klare Vorgabe wonach man sucht. Als Definition erfolgte eine Aufteilung in verschiedene Opfergruppen: gefallene oder vermisste Soldaten, Opfer des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945, auf der Flucht Umgekommene, deren Familien in Großburgwedel ansässig geworden sind und in unmittelbarer Folge von Krieg und Gewaltherrschaft nach 1945 Verstorbene.

Die Namen der gefallenen und vermissten Soldaten zu finden gestaltete sich verhältnismäßig unkompliziert. Offizielle Stellen, wie die ,Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht' geben hierüber Auskunft, Namen sind verzeichnet und die Herausgabe war unproblematisch. Schwieriger war der Umgang mit Quellen wie dem in der Kirche ausliegenden Gedenkbuch. Die dort aufgeführten Namen mussten verifiziert werden - aber durch wen? Hilfreich war das Buch von Dr. Heppner. Die Geschichte der sieben Dörfer' und auch Besuche der Mahnmale in den Ortsteilen schufen Vorlagen. Ein theoretischer Hintergrund konnte mit Hilfe des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung geschaffen werden. Eine Rede Helmut Schmidts etwa zum Gelöbnis von 500 Bundeswehrrekruten vor dem Reichstagsgebäude in Berlin am 20. Juli 2008 oder die Ansprache Hans-Jochen Vogels in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 10. April 2008. Konnte man alle Opfer auf einer Stele nennen? Welche Unterscheidungen, Abgrenzungen waren zu respektieren? Dr. Albert David war Jude - was meinte die Jüdische Gemeinde dazu seiner zusammen mit Deutschen Wehrmachtssoldaten auf einem Friedhof zu gedenken? Verschiedenste Befindlichkeiten mussten
berücksichtigt und respektiert werden.

Im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv half der Historiker Dr. Raimond Reiter, Verfasser des Buches, Tötungsstätten für ausländische Kinder im Zweiten Weltkrieg' bei der Recherche. Die Kreisbauernschaft hatte in Burgwedel eine "Ausländer-Kinder-Pflegestätte" betrieben. Wo war die gewesen? Was war dort geschehen? Offenbar handelte es sich um Kinder von Zwangsarbeiterinnen, die in der Landwirtschaft oder einem Industriebetrieb arbeiteten. Ihre Kinder wurden nicht gepflegt - sie starben. Wo waren ihre Gräber? Laut Definition gehörten sie mit zu den Opfergruppen. Der Friedhofsgärtner Eugen Krauthoff hilft, doch die Toten sind namenlos. Die Gräber wurden neu belegt, der Friedhof neu geordnet. So gab es 25 weitere Namen - auf dem gleichen Mahnmal? Pastoren und Kirchenrat wurden eingebunden und um Unterstützung gebeten. Das Heim befand sich in einer Scheune am Küstergang die in den frühen 50ern bereits so baufällig war, dass man sie abgerissen hatte. Schüler und Kirchenrat sahen gemeinsam den WDR Film ,Unerwünscht und vergessen' über Zwangsarbeiterinnen und ihre Kinder im Zweiten Weltkrieg.

Mittlerweile bekam der Entwurf des Bildhauers Peter Lechelt den Zuschlag. Die Schülerentwürfe wurden wiederholt gewürdigt aber nicht berücksichtigt. Auch stellte sich die Frage, wie man auf dem, Tor der Erinnerung' den verschiedenen Opfergruppen gedenkt. Welcher Sinnspruch soll die Opferauflistung begleiten? Soll es eine Extra-Stele für die Zwangsarbeiterinnen Kinder geben? Das wäre nicht im Sinne heutiger Erinnerungskultur, wo allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht werden soll. Wieder musste ein Kompromiss gefunden werden. Die Schülerinnen und Schüler äußerten ihren Unmut über diese Diskussion in der örtlichen Zeitung, die engagiert und umfangreich über den nicht recht fortschreitenden Prozess berichtete.

Nach heutigem Stand (April 2009) sollen die Namen von 145 in Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten auf dem ,Tor der Erinnerung' verewigt werden. Hinter diesem Tor - zum gleichen Mahnmal gehörig - soll eine zweite Stele errichtet werden, auf der die Kinder der Zwangsarbeiterinnen, Euthanasieopfer, Juden und Sinti genannt werden. Durch beide Teile hindurch sieht man das alte ,Kriegerdenkmal'. So wird eine Verbindung geschaffen und mit diesem Kompromiss konnten alle Beteiligten leben.

Kranzniederlegung am Ehrenmal in Großburgwedel. Foto: sib