Netzwerk Erinnerung+Zukunft in der Region Hannover

Förderverein Gedenkstätte Ahlem e.V.
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Führung Gedenkstätte Ahlem

Als Originaldokument gezeigt: Der Pass von Ruth Gröne geb. Kleeberg aus dem Jahr 1944 mit dem Stempel „J“ für „Jude“und dem Zwangsvornamen „Sara“, Quelle: Ruth Gröne
Zeitzeugin Ruth Gröne (vorn) im Gespräch, Quelle: Michael Pechel
Rundgang über das Gelände der ehem. Gartenbauschule mit Ruth Gröne, hier am Denkmal für die Opfer des GESTAPO-Gefängnis am ehemaligen Hinrichtungsort, Quelle: Michael Pechel

24. März 2009, 9.00-12.30 Uhr, Lehrerin Frau Scholt-Hillebrecht

Die Führung umfasste eine Einleitung in die Geschichte des historischen Ortes im „Martin-Gerson-Raum“ des ehem. Direktorenhauses der Schule, einen Gang durch die Ausstellungsräume,das Zeitzeugengespräch mit Frau Ruth Gröne und den abschließenden Rundgang über das Gelände der ehem. Gartenbauschule.

Ausgangspunkt des Gesprächs war das Ziel des Gründers der Israelitischen Gartenbauschule Moritz Simon: Eine „Berufsumschichtung“ der jüdischen Bevölkerung von freien und kaufmännischen Berufen hin zu Handwerk, Gartenbau und Landwirtschaft durch eine reformierte Schul- und Lehrlingsausbildung hier in Ahlem. Durch Fragen an die Schülerinnen und Schüler wurde herausgearbeitet, wie es historisch zu einer einseitigen Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung kommen konnte, wurde auf Ausschluss aus mittelalterlichen Zünften, jahrhundertelanges Verbot des Landerwerbs und Einschränkung der Wohnfreiheit hingewiesen. Die Gründung der Schule war auch eine Antwort auf den grassierenden Rassenantisemitismus im deutschen Kaiserreich, der Juden als unfähig und unwillig zu „ehrlicher“ körperlicher Arbeit darstellte. Hingewiesen wurde auf die Klischees der zeitgenössischen Karikatur „des Juden“: dicker Bauch, Plattfüße, X-Beine, abstoßendes Gesicht.

Beschrieben wurden dann die Ausbildungsgänge der Schule mit der leitenden Idee, schon in den Jungen und Mädchen der Volksschule durch die Einrichtung von Schulgärten auf dem Gelände das Interesse an körperlichen Handfertigkeiten zu wecken, um sie dann im Alter von 14 Jahren in die dreijährige Lehrlingsausbildung mit ihren Sparten Gemüseanbau, Blumenzucht und Obstbau übernehmen zu können. Mädchen wurde ab dem Jahre 1903 eine zweijährige hauswirtschaftliche Ausbildung angeboten. Die Schule machte in den zwanziger Jahren aufgrund der wirtschaftlichen Not einige Krisen durch und stand im Jahre 1933 kurz vor der Schließung, bis sie ausgerechnet in den dreißiger Jahren einen Aufschwung nahm und einen förmlichen Schüleransturm erlebte. Hintergrund dafür war der forcierte Auswanderungsdruck durch das NS-Regime, der die Vermittlung von auswanderungsrelevanten handwerklichen Fertigkeiten und Sprachen wie Englisch und Hebräisch förderte. Für wenige Jahre stellte die Israelitische Gartenbauschule eine Insel innerhalb der nationalsozialistischen Umgebung dar – bis sie im Jahre 1939 ihre juristische Selbständigkeit verlor und schließlich ab 1941 zum zentralen Sammelpunkt für tausende Juden auf dem Weg in die Ghettos und Vernichtungslager wurde. Gleichzeitig wurde ein Schulgebäude zum „Judenhaus“ für Angehörige sog. „Mischehen“, es bestand bis zur Befreiung im April 1945. Ab dem Jahre 1943 wurde das Direktorenhaus, in dem wir uns befanden, von Abteilungen der GESTAPO genutzt, im daneben gelegenen ältesten Bau der ehem. Gartenbauschule wurde ein Gefängnis v.a. für „Fremdarbeiter“ eingerichtet, von denen mehr als zweihundert unmittelbar vor Kriegsende durch Erhängen und Erschießungen getötet wurden. – Die den Schülerinnen und Schülern ferne Geschichte wurde durch persönliche Geschichten konkretisiert, z.B. das Schicksal von Lieselotte Rosenbaum. Als Sekretärin der Jüdischen Gemeinde Hannover musste sie die Namenslisten für Deportationen schreiben, die über die Gartenbauschule Ahlem und den Bahnhof Fischerhof verliefen. Als sie den Namen ihres eigenen Verlobten hinzufügen musste, erreichte sie durch Bitten bei der GESTAPO, dass sie selbst auf die Liste kam – beide hatten sich geschworen, gemeinsam in den Zug zu gehen, obwohl Lieselotte Rosenbaum noch nicht für die Deportation vorgesehen war. Er starb im Vernichtungslager Treblinka, sie während der Liquidierung des Arbeitslagers Trawniki im besetzten Polen.

Die anschließende Führung fand in der Dauerausstellung der Gedenkstätte statt: In den Kellerräumen des Gebäudes, die während des Krieges als Verhörräume der GESTAPO, aber auch öffentlicher Luftschutzraum genutzt wurden. Besonders eingegangen wurde auf Fotos von Schülern und Auszubildenden während der Arbeit in der ehem. Israelitischen Gartenbauschule, auf Bilder der 16 ehemaligen „Judenhäuser“ Hannovers, Fotos von Gefangenen des GESTAPO-Gefängnisses auf dem Schulgelände (darunter Kurt Schumacher, Begründer der Nachkriegs-SPD), sowie Bilddokumente des nahegelegenen KZ-Außenlagers Ahlem.

Das Schicksal Ruth Grönes (geb. 1933) ist eng mit dem historischen Ort verbunden. Sie erzählte aus ihrer Kindheit und ließ persönliche Dokumente herumgehen: Tochter eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter, erlebte sie die Ausgrenzung durch ihre ehemaligen Freunde („Du bist Judenkind, wir dürfen nicht mit dir spielen“) und den Ausschluss aus der staatlichen Schule. Nach einer Odyssee durch verschiedene „Judenhäuser“ und Ausbombung lebte die Familie schließlich ab dem Jahre 1943 im einzig verbliebenen „Judenhaus“ Hannovers auf dem Gelände der Gartenbauschule, unter dem prekären Schutz als „Mischehe“. Sie schilderte eindringlich die Schwierigkeiten dieses Lebens in unmittelbarer Nähe der GESTAPO-Büros im ehem. Direktorengebäude. Als Jüdin war sie vom Schutz des Luftschutzkellers ausgeschlossen, ihre Mutter wagte ihn trotzdem, der „Judenstern“ wurde unter dem Kragen des Mantels verborgen, während ihr Vater als „Volljude“ nur einen primitiven Splittergaben auf dem Gelände aufsuchen durfte. Fragen der Schüler nach Solidarität der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung musste sie verneinen – abgesehen von einem gegenüberliegenden Kaufmann, der ihr bei Einkäufen regelmäßig etwas mehr in die Tüte packte, als die Lebensmittelmarken hergaben. Noch im Herbst 1944 wurde ihr Vater wegen einer Lappalie verhaftet und saß wochenlang im GESTAPO-Gefängnis nur wenige Meter vom Wohnhaus der Familie – im Februar 1945 musste Ruth Gröne zusehen, wie er auf einen Wagen verladen wurde und mit unbekanntem Ziel abfuhr. Er starb unmittelbar vor Kriegsende als KZ-Gefangener im Lager Sandbostel bei Bremerförde. Frau Gröne berichtete, wie sie im März 1945 aus einem Fenster beobachten konnte, wie Gefangene des GESTAPO-Gefängnisses zur Hinrichtung geführt wurden. Die letzten Wochen vor Kriegsende verbrachte sie mit ihrer Mutter weitgehend in den bombensicheren Asphaltstollen direkt neben dem KZ-Außenlager Ahlem, und konnte die jüdischen Gefangenen bei der Arbeit sehen – dem Ausschachten der Stollen, die für die Untertage-Verlagerung u.a. der Continental-Werke vorgesehen waren.

Für den abschließenden Rundgang über das Gelände der ehem. Israelitischen Gartenbauschule wurden Pläne der Gebäude auf dem Stand des Jahres 1944 verteilt – viele von ihnen wurden nach dem Krieg abgerissen, zuletzt im Jahre 1987 zugunsten des Ausbaus der Straßenbahnlinie. Der Weg führte zum ehemaligen Hinrichtungsplatz in einem Holzgebäude, das zusammen mit allen Akten durch die GESTAPO kurz vor Eintreffen der amerikanischen Armee verbrannt wurde. Heute erinnert ein Kreis von 12 steinernen Stelen an die Opfer. Dann der Weg zum ehem. Judenhaus, in dem Ruth Gröne angesichts der Wohnungsnot noch viele Jahre nach dem Krieg zusammen mit ihrer Mutter lebte. Schließlich bis an das äußerste Ende des weitläufigen Geländes der Gartenbauschule zum ehemaligen „Mädchenhaus“, das nach dem Krieg unterschiedlich genutzt wurde und zuletzt vor dem Abriss stand. Seit kurzem wird es von einer christlichen Einrichtung der Drogenprävention in Eigenarbeit renoviert.

Michael Pechel

 

Literatur:

Schmid, Hans-Dieter (Hrsg.): Ahlem. Die Geschichte einer jüdischen Gartenbauschule und ihres Einflusses auf Gartenbau und Landschaftsarchitektur in Deutschland und Israel. Bremen 2008.

Homeyer, Friedel: 100 Jahre Israelitische Erziehungsanstalt Israelitische Gartenbauschule 1893-1993. Hrsg.: Landkreis Hannover - Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Hannover. Hannover 1993.

Gröne, Ruth: Spuren meines Vaters : das Zeitzeugnis der Ruth Gröne, geb. Kleeberg. (Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem; Bd. 2).

Möllenhoff, Gisela: „Versucht bitte alles, um zu erfahren, was aus mir geworden ist." Der Brief von Lieselotte Rosenbaum aus dem Warschauer Ghetto, in: Arno Herzig/Karl Teppe/Andreas Determann (Hrsg.): Verdrängung und Vernichtung der Juden in Westfalen, Münster 1994, S. 156-168.