Netzwerk Erinnerung+Zukunft in der Region Hannover

Förderverein Gedenkstätte Ahlem e.V.
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Machtergreifung und Gleichschaltung

"Hannover bleibt rot" versicherte optimistisch die größte sozialdemokratische Zeitung der Stadt, der ‚Volkswille', in der Ausgabe vom 22. Februar 1933. Kurze Zeit später war sie verboten. Zwar hatten die Nationalsozialisten in ihrer Propaganda nie einen Hehl daraus gemacht, wie sie die Macht über den Staatsapparat nutzen würden, wenn er einmal in ihre Hände fiele. Trotzdem waren selbst ihre langjährigen politischen Gegner von der Zielgerichtetheit und Brutalität überrascht, mit der nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 in kurzer Zeit die Alleinherrschaft errichtet wurde. Schlag auf Schlag erfolgte die Entmachtung der Organisationen der Arbeiterbewegung, das Verbot ihrer Presse, anschließend die Gleichschaltung der bürgerlichen Parteien, der Länderverfassungen und dann des gesamten öffentlichen Lebens - wie im Reich, so auch in der damaligen preußischen Provinzhauptstadt Hannover und ihrem Umland.

Schon die letzten Jahre der Weimarer Republik waren durch ein Klima zunehmender sozialer Instabilität und wirtschaftlicher Depression, durch Straßengewalt und militante Auseinandersetzungen gekennzeichnet gewesen. Einen Höhepunkt der Gewalt stellte der Feuerüberfall von Nationalsozialisten auf sozialdemokratische Mitglieder des Reichsbanners am 21. Februar 1933 während einer Versammlung am Lister Turm dar, der zahlreiche Schwerverletzte und zwei Tote forderte 10. Nach diesem Vorfall begannen auf lokaler Ebene Verhandlungen zwischen SPD und KPD mit dem Ziel, die gegenseitigen publizistischen Angriffe zu unterlassen und sich auf den gemeinsamen Gegner zu konzentrieren - sie endeten ergebnislos. Der lange Beerdigungszug für die erschossenen Arbeiter wurde zu einer der letzten großen Demonstrationen gegen die neuen Machthaber - heute erinnern zwei Ehrengräber auf hannoverschen Friedhöfen an die beiden.

Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 diente als willkommener Vorwand, mittels einer Verordnung des Reichspräsidenten „zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte" wesentliche Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen. Damit wurde der Ausnahmezustand legalisiert. Eine unmittelbar folgende Verhaftungswelle richtete sich in erster Linie gegen die kommunistische Arbeiterbewegung. In Hannover wurden ca. 140 Gefangene - darunter viele hochrangige Funktionäre der KPD - bis Anfang März in das Polizeigefängnis in der Hardenbergstraße und später in das neu errichtete Konzentrationslager Moringen bei Göttingen eingeliefert. Das Gewerkschaftshaus in der Nicolaistraße wurde polizeilich durchsucht. Der entscheidende Schlag gegen dieses Zentrum des sozialdemokratischen Teils der hannoverschen Arbeiterbewegung erfolgte aber am 1. April 1933, als SS (‚Schutzstaffel' der Nationalsozialisten) und SA (‚Sturmabteilung' der Nationalsozialisten) das Gebäude ohne Gegenwehr stürmten 17 und die Hakenkreuzfahne auf dem Dach des Hauses hissten - Generalprobe für die reichsweite Besetzung von Gewerkschaftshäusern, Verbot der freien Gewerkschaften und Einzug ihrer Vermögen am 2. Mai 1933.

"Gewalt bildete für die Nationalsozialisten nicht bloßes Mittel der Politik, sie war Politik"
Literatur, 96

„Morgens, 5 Uhr, erschien die Polizei und holte uns aus den Betten. Wir erfuhren, dass in der Nacht der Reichstag gebrannt hatte Mein Bruder und ich wurden mit Polizeieskorte durch die Straßen zur Wache am Klagesmarkt geführt. Von dort aus ging es mit einem Polizeiwagen in die Haftstation des Präsidiums in der Hardenbergstraße. Als wir eingeliefert wurden, waren schon 150 Bürger dort, - überwiegend Kommunisten, auch Sozialdemokraten, Parteilose und Gewerkschafter. Wir wurden in zwei große Säle gesperrt. Dann sortierte man. Ich kam in eine winzige Einzelzelle, in der schon drei Mann lagen". August Baumgarte
Literatur: 102

August Baumgarte wurde während der NS-Diktatur bis auf kurze Unterbrechungen 12 Jahre lang in den Konzentrationslagern Moringen, Esterwegen, Sachsenhausen und Mauthausen gefangen gehalten. Informationen dazu auf der Internetseite der Gedenkstätte Moringen
www.gedenkstaette-moringen.de/geschichte/maenner/hannover/hannover.html

In der Nacht des 10. Mai 1933 loderten in ganz Deutschland Scheiterhaufen, verbrannten Bücher demokratischer und pazifistischer Schriftsteller und Wissenschaftler. In Hannover rief ein „Kampfausschuss der deutschen Studentenschaft Hannover zur Bekämpfung von Schmutz und Schund" zur Teilnahme an der öffentlichen Verbrennung bei der Bismarcksäule in der Leinemasch auf. Auch Schriften des hannoverschen Philosophen Theodor Lessing wurden dort in die Flammen geworfen. Der jüdische Gelehrte hatte durch sein Buch über den Massenmörder Haarmann und mehr noch durch kritische Zeitungsartikel zur Wahl Hindenburgs als Reichspräsident tiefen Hass der politischen Rechten auf sich gezogen 26.

Die Herrschaft des Nationalsozialismus hatte sich überraschend schnell gefestigt. Die Verbände und Parteien der Arbeiterbewegung wurden zerschlagen und als letzte Arbeiterpartei die SPD im Juni 1933 verboten. Am Ende des Jahres waren reichsweit ca. 150.000 Regimegegner in Konzentrationslager eingewiesen und dem unmenschlichen Terror ihrer Bewacher ausgeliefert. Die bürgerlichen Parteien kamen dem drohenden Verbot durch Selbstauflösung zuvor. Deutschland war innerhalb weniger Monate zur Einparteiendiktatur geworden. Politische Gegnerschaft konnte sich nur noch illegal organisieren - immer unter höchster Gefährdung durch Denunzianten und Geheime Staatspolizei (Gestapo).